VI Neue Feinde

Ellie Lodge rannte durch die Gänge der Stentorian, zielstrebig in Richtung ihres Labors. “Hoffentlich bemerkt Danero nicht allzu schnell, dass ich das Paket ausgetauscht habe. Die Fälschung war zwar nicht perfekt aber besser ging es eben nicht auf die Schnelle.” Zu ihrem Glück hatte sie Buzz dabei. Er rannte zwei Meter vor ihr und stieß jeden unsanft aus dem Weg, der nicht rechtzeitig auswich oder zur Seite sprang.

Ein paar weitere Korridore brachten sie schließlich zu ihrem Robotik Labor. Das Zimmer war größer als man es für einen Raum auf dem geheimen Unterdeck erwartet hätte und die Miete musste ein vermögen kosten. An den Wänden befanden sich Werkzeuge, Ersatzteile und Unmengen an Kabeln. Noch außer Atem legte sie das Paket auf den Tisch in der Mitte des Raumes, bevor sie es jedoch öffnete sah sie noch einmal zu ihrem Begleiter :“Buzz: Tür! Scharfe Munition! Ich will nicht gestört werden!” Der Roboter legte kurz den Kopf zur Seite, beinahe so als ärgere er sich nicht anwesend sein zu dürfen wenn sie das Paket, von dem sie schon seit Tagen ununterbrochen redete, endlich öffnet, und postierte sich dann vor der Tür, die sich geräuschlos hinter ihm schloss.
Ellie sah das Paket bedächtig an. Besonders gut war es ja nicht gesichtert. Wen sollte denn ein einfaches Schloss aufhalten. “Das macht doch überhaupt keinen Spaß wenn es so einfach ist.”, beschwerte sie sich murmelnd. Ein kurzer Schnitt mit dem Monofilamentmesser und schon konnte öffnete sich der Behälter für sie. Als sie den Inhalt sah fingen ihre Augen an zu leuchten.


Nach Stunden des Wartens und Starrens auf seinen Bildschirm hatte er endlich ein Signal auf seinem Bildschirm. “Lieutenant? Sie ist gerade online gekommen, zeigt bislang aber noch keine Aktivität. Sollen wir das Programm starten?”
“Noch nicht, sie muss auf das Schiffsnetz zugreifen damit wir ihre Sicherheitsvorkehrungen umgehen können.”, erwiederte Lucinda Jimenez ,“wenn sie einen Fehler macht können wir ihr diesmal einen schmerzhaften schlag verpassen und alle ihre Daten kopieren und anschließend aus ihren eigenen Speichern löschen. Mit ihren Daten haben wir genug Beweise gegen sie um sie für immer einzusperren oder vom Schiff verbannen zu lassen.”


Zwei Dinge konnte sie selbst kaum glauben: Erstens befand sich in dem geöffneten Behälter ein Datenspeicher, mindestens mehrere Jahrzehnte alt aber immer noch intakt und zweitens hatte sie noch ein Kabel gefunden mit dem sie ihn an einen ihrer Rechner anschließen konnte. In fremder Leute Daten herum zu wühlen war für Ellie immer ein hervorragender Zeitvertreib aber dieses Ding war anders. Es waren keine peinlichen Fotos unwichtiger Leute oder verschwörerischen Botschaften auf sogenannten abhörsicheren Kanälen. Es war ein Schatz und er war bis oben hin vollgepackt mit Code, viel zu viel um ihn auf einmal zu Analysieren.
Sie beschloss sich zunächst einmal ein Appetithäppchen zu gönnen um sich in die veraltete Struktur der Daten einzuarbeiten.


“Sie lädt irgendetwas in das öffentliche System hoch. Keine Ahnung was das ist. So etwas habe ich noch nie gesehen. Lieutenant was sollen wir tun?”
Lucinda Jimenez hatte sich inzwischen an ihr Terminal begeben. Vor sich vier Displays und ebenso viele holographische Interfaces. Ihre Hände bewegten sich in einem Schneller werdenden Rhytmus über die Tasten. “Nurnoch einen kleinen Moment Sergant, ich bin beinahe durch ihre Hellfire Subsysteme. Starten sie das Programm in zehn…neun…”


Sie hatte sich vorgenommen vor dem Schlafengehen noch 2% des Codes zu analysieren. Das sollte ihrer eigenen Einschätzung nach in 48 Stunden gut machbar sein. Eher war sowieso nicht an Schlaf zu denken. Es gab so viel zu entdecken. Der Code war, wie schon der Datenspeicher selbst, veraltet. Die Programmiersprache wurde seit Jahren nicht mehr genutzt, aber der Schreibstil beeindruckte sie enorm. Er war kompakt, elegant, und unglaublich durchdacht. Trotz der ihrer Meinung nach eingeschränkten Möglichkeiten der damaligen Zeit hat der Autor dieses Programmes eine solche Perfektion an den Tag gelegt, dass sie beinahe schon ergriffen war.
Gerade machte sie sich noch Gedanken darüber wozu das gesamte Programm wohl gut sein mochte als das Terminal auf einmal ausfiel.
Ein erschrockener Schrei durchhallte ihr Labor. Nur einen Sekundenbruchteil später hatte sie bereits ihr Hacking Device gestartet. “LUCINDA JIMENEZ! Wenn du das warst reiße ich dir den Kopf ab!” Und tatsächlich konnte sie einen Cyberangriff auf ihre Systeme feststellen. “Oh nein oh nein, mich bekommst du nicht! Dir werd ich es schon noch zeigen!”


“…vier…drei….” Auf einmal verschwand Ellies System von Lucindas Bildschirm.
Wütend sah sie sich um: “Sergant Miles, warum haben sie nicht auf mein Kommando gewartet?”
Miles sah sie fragend an. “Ich habe nichts gemacht. Das Programm wurde noch nicht gestartet.”
Lucinda war verwirrt. Auf dem Schiff befand sich niemand der dumm genug war oder überhaupt das Zeug dazu hatte Ellie Lodge einfach so zu untergraben. “Findet herraus wer das ist. Wer das getan hat stellt eine Gefahr für die Sicherheit des Schiffes dar.”


“Du bist ja wirklich schnell aber glaub nicht, dass du es mit mir aufnehmen kannst.” Ellie hatte Lucinda längst vergessen. Das trug alles nicht ihre Handschrift. Das war jemand anders. Er war impulsiv, aggressiv und wahnsinnig talentiert. Er griff sie gleichzeitig an und bahnte sich mit einer Leichtigkeit einen Weg durch die kompletten Systeme des Schiffes, die einem schon Furcht einflößen konnte. Eben noch Siegessicher war Ellie auf einmal eingeschüchtert. Ohne ihre tiefgreifenden Schutzsysteme hätte der Angreifer leichtes Spiel gegen sie gehabt. Zum ersten mal in ihrem Leben Empfand Ellie so etwas wie Angst. Aber noch gab sie nicht auf. Eine Hand am Hacking Device, die andere an einem noch funktionierenden Terminal hackte sie schneller und aggressiver, als sie es in ihrem Leben bislang je tun musste und verfiel dabei in eine Art Trance. Sollte der fremde es doch versuchen. Sie war Interventor Prof. Ellie Lodge und niemand würde sie dermaßen bloßstellen. Fast – so glaubte sie – hatte sie ihren Feind in eine Ecke gedrängt. Nurnoch einen Moment und sie wüsste mit wem sie es zu tun hat.
Sie bemerkte erst, dass sie nichtmehr alleine im Raum war, als sich eine Gewehrmündung gegen ihre Schläfe drückte.
Zunächst erstarrte sie, als aber der Schuss nicht kam blickte sie nach links und sah wer sie bedrohte. “BUZZ? Warum zielst du auf mich? Warum…” Doch da fiel ihr Roboter schon um und regte sich nichtmehr. Sie verstand nicht mehr was vor sich ging, war aber sofort wieder an ihrem Hacking Device. Von ihrem Angreifer jedoch fehlte jede Spur. Mit leisem Knarren fuhr auch das ursprüngliche Terminal wieder hoch. Sie hastete durch das zimmer und stellte mit erschrecken Fest, dass von dem hochgeladenen Dateifragment auch nichts mehr zu finden war. Galt der Angriff der Datei? Wer konnte davon wissen? Wo ist das Dazeifragment hin? Diese und viele andere Fragen stellte sich Ellie in diesem Moment. Eine kurze Analyse von Buzz’s Speicher ergab, dass er tatsächlich von außen gehackt und übernommen wurde, seine Waffe jedoch noch gesichert war und der Fremde deswegen nicht abdrücken konnte. Nicht auszumalen was passiert wäre wenn…


“Sergant Miles! Lagebericht.”, forderte Lucinda Jimenez forsch.
“Künstliche Schwerkraft auf Deck eins, zwei, drei, fünf, acht und dreizehn. Kompletter Stromausfall auf Deck einundzwanzig, die Lebenserhaltenden Notaggregate haben jedoch schlimmeres verhindert. Wer oder was das auch immer war, es war nicht Lodge und ist für uns unauffindbar. Es war als wäre es einfach auf einmal verschwunden.”
“Es ist nur eine Frage der Zeit bis er wieder Auftaucht. Er ist eine größere Gefahr als Lodge und wenn wir sie als entbehrlichen Köder für ihn verwenden können werde ich das bereitwillig tun.”


An anderer Stelle des Schiffes öffnete jemand die Augen. Etwas war im Schlaf zu ihm zurückgekehrt. Etwas, auf das er sehr lange gewartet hatte. Vorher existierte er nur aber jetzt lebte er wieder. Auf einmal sah er die Dinge viel klarer als bislang. Gedanken, die er kaum vorher Fassen konnte schienen ihm jetzt so einfach zu verstehen.
Dennoch fühlte er sich unvollständig, aber das konnte behoben werden jetzt da er wieder klar denken konnte.
Seine Zeit würde sehr bald anbrechen.

VI Neue Feinde

Kaltstart Ryberto